22 Theater in Vöslau

Nur wenigen Leuten ist heute noch bekannt, dass in Bad Vöslau ab 1860 bis etwa zur Zeit des 1. Weltkrieges regelmäßig Theater gespielt wurde. Es begann vermutlich 1861 mit der Schauspielertruppe des Johann Edlen von Radler - auch der junge Ludwig Anzengruber machte hier seine ersten, allerdings wenig erfolgreichen schauspielerischen Schritte - der in der eigenen Sommerarena auf der Waldwiese (heute Kurpark) mehr als zehn Jahre das Theaterleben des Ortes prägte. Nach ihm gab es zahlreiche Saisonen (Sommer und Winter), zu denen andere Theaterensembles ihr Gastspiel gaben (Hahn, Emilie Frank, Käßmayer, Wilhelm Waldmüller, etc.). Ich sah es als meine Aufgabe die vielen Hinweise - oft nur in der Lokalpresse erwähnt - zu sammeln und in einer Broschüre zusammenzufassen. Aber auch nach dem Erscheinen dieser Arbeit, fand ich noch zahlreiche Informationen, so z. B. einen genehmigten Bauplan für ein Sommertheater aus dem Jahr 1904, das nur deshalb nicht gebaut wurde, weil die Baugesellschaft in Konkurs gegangen war ...

"Die hohe k. k. n. ö. Statthalterei fand laut Erlasses vom 13ten d. Mts. Zl 2048/1 dem Johann v. Radler über sein Ersuchen die Bewilligung zu ertheilen während der dießjährigen Sommer Saison im Tagestheater zu Vöslau theatralische Vorstellungen gegen Beobachtung der Theater und sonstigen Polizei-Vorschriften abhalten zu dürfen."

So kann man  es in einem Schreiben des k. k. Bezirks-Amtes Baden vom 21. Mai 1863 an den Gemeindevorstand von Vöslau nachlesen [1] .

Ab 1861 leitete Johann Edler von Radler (geb. 19.11.1819 in Wien, gest. 11.09.1894 in Wien)  nachweislich die Vöslauer Sommerarena auf der Waldwiese (heute Kurpark) [2]. Schon ein Jahr früher, 1860, berichtet die Wiener Theaterzeitung darüber, dass "Vöslau bei Baden bis in den Kulturzustand einer Arena" gelangt ist, und dass auch bereits "mehrere Male vor leeren Bänken" gespielt wurde. "Thalia, weine", lautete der Kommentar [3]. Wer in dieser Saison spielte, wissen wir nicht, fest steht aber, dass Radler 1861 die Arena in seinen Besitz bringen konnte: " ... hat die Arena des Badeorts Vöslau in der Nähe von Wien an sich gekauft u. beabsichtigt, durch Umbau u. neue Dekorirung dieselbe auf sehr elegante Weise herzustellen." [4]. Und ein Jahr später erfährt man: "... Die neu renovierte, bedeutend vergrößerte Arena in Vöslau erfreute sich eines zahlreichen Besuches der höchsten Herrschaften und wurde im Laufe des Sommers von mehreren Mitgliedern des Allerhöchsten Kaiserhauses beehrt ..." [5].

Im Sommer hielt sich Radler mit seiner Schauspielertruppe in Vöslau auf, im Winterhalbjahr hingegen wurde in anderen Orten gespielt (Marburg, Krems, Warasdin, Iglau, Budweis). 1863 und 1865 befand sich unter den Ensemblemitgliedern auch ein junger Schauspieler namens Ludwig Gruber. Unter diesem Pseudonym verbirgt sich kein geringerer als der Schriftsteller Ludwig Anzengruber. Während seines Aufenthaltes in Vöslau entstand auch eine Reihe von Werken [6]. 1863 begann die Saison am 16. Juli, der Theaterzettel (Nr. 1) von diesem Ereignis blieb erhalten (Theaterzettel).

1869 berichtet die Lokalpresse über den Besuch der Königin von Portugal, die zur Kur in Baden weilte: "Ihre Majestät die Königin von Portugal und ihre k. k. Hoheiten die Herren Erzherzoge Albrecht und Wilhelm beehrten am 13. d. Mts. [Juli] die Vorstellung im Sommertheater des Herrn Edlen v. Radler in Vöslau mit ihrer Gegenwart. Gegeben wurden: ´Im Wartesalon erster Klasse´ und ´Der Mord in der Kohlmessergasse´. Die allerhöchsten Herrschaften verweilten bis zum Schlusse der Vorstellung." [7]

In den Theateralmanachen werden der Vöslauer Bürgermeister Freiherr Dr. Theodor von Raule als Rechtskonsulent und der Leiter der Kaltwasserheilanstalt Friedmann als Theaterarzt der Radler-Bühne erwähnt. Von Raule wurden mittlerweile elf Theaterstücke, meist einaktige Lustspiele, aufgefunden; einige davon wurden neben Krems und Graz nachweislich auch in Vöslau aufgeführt.

Ab 1872 leitete Radler nur noch das Stadttheater in Krems, wobei er sich gleichzeitig auch als konzessionierter Theateragent betätigte. Das Vöslauer Sommertheater verpachtete er an Richard Hahn, der gleichzeitig diem Leitung des Stadttheaters in Warasdin innehatte. 1873 war Vöslau mit dem Residenztheater in Wien vereinigt; die Direktion stand unter der Leitung des pensionierten k. k. Hofschauspielers Eduard Kierschner. Dieser will im darauffolgenden Jahr sogar eine neue Arena erbauen und unterzeichnete bereits einen Vertrag mit der reichsgräflichen Familie v. Fries, da der Abbruch der "morschen, halbverfallenen, zur gänzlichen Kassirung im kommenden Herbste [1874] verurtheilten Musentempelruinen" bevorstand (Badener Bote vom 6. Juli 1873). Warum die neue Arena nicht in Angriff genommen wurde, ließ sich nicht mehr feststellen. Auch das ein Jahr vorher kursierende Gerücht, dass der "kunstsinnige Bürgermeister von Vöslau" Raule ein neues, gedecktes Theater auf Aktien erbauen lassen wollte, bewahrheitete sich nicht [8].

Erst 1875 gibt es wieder Theater in Vöslau. Gespielt wurde in der Vöslauer Schützenhalle. Ein erhaltener Theaterzettel vom 30. August 1875 (Nr. 5) (Theaterzettel) erwähnt Andreas Schild als Theaterdirektor; zwei Lustspiele von Kotzebue wurden damals gegeben. Leider ist die Berichterstattung in der Lokalpresse 1886 sehr lückenhaft, trotzdem gibt es aber immer wieder Hinweise auf die Anwesenheit weiterer Theatergruppen in Vöslau. Erst 1886 und 1887 gibt es wieder ausführlichere Berichterstattung über die Tätigkeit der Theatergruppen Marie Arthur und Wilhelm Diegel.  Um die Jahrhundertwende war es vor allem das Ensemble um Direktor Carl Käßmeyer, der mehrere Saisonen, vor allem im Winter, in unserem Ort wirkte.

1907 war der Direktor des Stadttheaters in Krems, Wilhelm Waldmüller in Vöslau tätig. Die Vorstellungen fanden täglich (!) außer Mittwoch statt. Die Eröffnung der Saison fand am 22. Juni statt; gespielt wurde im Großen Glassaal im Hotel Zwierschütz. Das Ensemble Waldmüllers bestand aus 28 Mitlgiedern, die nicht nur Sprechtheater sondern auch Operette darboten.

An Versuchen, nach dem Abbruch der Sommerarena 1873 wieder eine eigene Theaterspielstätte zu errichten, hat es nicht gefehlt. Am weitesten gedieh wohl der Plan der Baugesellschaft Roese & Cie [9], die bereits mehrere Theatergebäude in anderen Städten gebaut hatte. Aus dieser Zeit gibt es sogar genehmigte Pläne zum Bau eines Sommertheaters im Maital. Doch auch dieses Projekt kam nicht zur Ausführung, da die Baugesellschaft in Konkurs ging.

Bis 1914 waren weitere Theaterunternehmungen zu Gast in Vöslau: die Hofschauspielerin Louise von Posgay, der Direktor des Wiener Arbeiterheim Theaters Carl von Remay, der Direktor des Kurtheaters in Kaltenleutgeben August Orthaber, Direktor Adolf Rosé mit seinem Wiener Novitäten-Ensemble sowie der Direktor des Kabaretts "Fledermaus" in Wien, Ludwig Bruckner.

1914 bricht die Berichterstattung über die Tätigkeit von Theaterensembles in unserem Heimatort ab. Wahrscheinlich war diese Saison auch die letzte, die in Vöslau von Berufsschauspielern getragen wurde. Und als der erste Weltkrieg begann, hatten die Menschen begreiflicherweise andere Sorgen, als sich um einen Theaterbetrieb zu kümmern. Zudem brach auch der Fremdenverkehr zusammen, und um das kulturelle Leben in Vöslau wurde es längere Zeit still. Nach dem Krieg dauerte es eine Weile, bis sich das kulturelle Leben in unserem Heimatort wieder zu regen begann. Wohl fanden vereinzelt Gastspiele von bekannten Wiener Bühnen statt, ein Saisontheater wie in den Jahren zuvor gab es und gibt es bis zum heutigen Tag leider nicht mehr. Außerdem war mit der Erfindung des Kinos dem Theater eine echte Konkurrenz erwachsen. Trotz vieler Versuche in den letzten Jahren, Theater bei uns wieder heimisch zu machen, konnte an die große Theatertradition der vergangenen Jahrzehnte nicht mehr angeknüpft werden, um sich damit einen festen Platz unter den niederösterreichischen Spielstätten zu sichern.

Im Juli 1994 habe ich meine Ergebnisse in Form einer Broschüre zusammengefasst. Sie erschien unter dem Titel "Thalia - weine, Theatertradition in Bad Vöslau" und wurde von der Stadtgemeinde Bad Vöslau herausgegeben. Allerdings haben so manche neuen Erkenntnisse nach diesem Zeitpunkt hier nicht mehr Berücksichtigung gefunden. Eine Überarbeitung des Manuskriptes habe ich jedoch in den nächsten Jahren geplant. Die Broschüre kann über das Stadtmuseum Bad Vöslau zum Preis von 5,80 EUR bezogen werden: hier.

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[1] Brief v. 21. Mai 1863, Z. 4687 I. Stadtarchiv Bad Vöslau, 3/222a

[2] Brief von Bürgermeister Raule an Radler vom 5. May 1869, Stadtmuseum Bad Vöslau

[3] Wiener Theaterzeitung, 54. Jg, Nr. 134, vom 12. Juni 1860, S. 531

[4] Deutscher Bühnenalmanach, hrsg. v. A. Entsch, 26. Jg., Berlin 1862, S. 275f

[5] Deutscher Bühnenalmanach, hrsg. v. A. Entsch, 27. Jg., Berlin 1863, S237ff

[6] Briefe von Ludwig Anzengruber, mit neuen Beiträgen zu seiner Biographie, hrsg. v. A. Bettelheim, 1. Bd. Stuttgart und Berlin 1902, Brief Nr. 23ff

[7] Badener Bote vom 18. Juli 1869, S. 2

[8] Badener Bote vom 7. Juli 1872

[9] Fa. Roese & Cie, Österreichische Kur & Sommertheater-Unternehmung in Wien VI, Eszterhazygasse No. 1

Quellennachweis für die Theaterzettel:

Nr. 1-4, 7, 8: Österreichisches Theatermuseum, Nr. 5, 9: Stadtmuseum Bad Vöslau, Nr. 6: privat.